Entlang der Themse


Abb. Nr. 1: OXO tower, London.

Personen:

Imorthufora, vermutlich geboren im 19. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; die Wissenschaft hat sich mit 1865 vorläufig auf ein Jahr geeinigt. Imorthufora beginnt sich zu formen, als es mit der industriellen Revolution in England, der industriellen Tierzucht und der Einführung der “disassembly line” zur massenhaften Tötung von mehr-als-menschlichen Lebensformen kommt, die kein singuläres Geschehniss bleiben sollte. Imorthufora ist eine multispezies-Symbiose. Vielleicht kann man sie sich vorstellen als Chimäre, doch sie ist mehr als das; vielleicht hat sie auf den ersten Blick drei Köpfe, doch hat sie viel mehr als nur das, was man aus der Ferne zu erkennen vermag. Manchmal zeigt sie sich in der Gestalt Aller. Knochen, unzählige, aus den Schlachthöfen, Restaurants, Imbissen, Haushalten, Verwertungsanlagen, Müllhalden, Seifenfabriken von Jahrhunderten. Oder wir sehen nur eine Abzeichnung, ein Hauch einer Multitüde von Erinnerungen, eine Spur, die uns heimsucht und ein Stück mit uns geht. Flüchtiger, fragiler Teil des kosmischen Theaters wie die Wolken, zugleich unverwundbar und von unvorhersehbarer Gewalt.

Direktor, des Instituts. Er besitzt mehrere Universitätsabschlüsse, schreibt neben seiner leitenden Tätigkeit an einer ausführlichen Forschungsarbeit, ist passionierter Künstler und außerdem passionierter Kritiker aller Dinge, die sich seiner Kritik entziehen. Während seiner archäologischen Feldforschungen an der Themse, stellte Imorthufora Kontakt zu ihm her, woraufhin er in die Angelegenheiten des Instituts involviert wurde.



London im Jahr 2022. Der Direktor besichtigt die Ausgrabungsstätten des Instituts in der Stadt.

OXO Tower, ein sonniger Sommertag

Imorthufora Maschinen kämpften hier damit, das, was von uns übrig war, in winzige Würfel zu pressen.  

Direktor Der OXO-Tower – früher ein Fleischkühlhaus, heute Ausstellungsräume von Gallerien, Luxuswohnungen, Cafés und andere kleine Geschäfte. Es war also ein Ort, der eng mit der Gewalt zwischen den Arten verbunden ist. Als Künstler muss ich mich fragen: Ist es jetzt ein Ort, an dem Gewalt zum Spektakel wird? Das Leiden wird formvollendet. Ein unübersetzbarer deutscher Begriff, der verwendet wird, um etwas als perfekt komponiert, "ästhetisch" in der Form zu beschreiben. Adorno hat die Fixierung auf die Form mal als einen Punkt identifiziert, an dem die Kunst stecken bleibt, nicht weiterkommt – oberflächlich.

Imorthufora Mit unseren Knochen kleben, aus unseren Knochen essen, mit unseren Haaren malen, mit unserem Fett waschen, unsere Körper zur Schau stellen, das Verbliebene bleichen.

Imorthufora verlassen das Gelände des OXO-Towers und schlängeln sich weiter in Richtung Blackfriars-Brücke, wo sie am Südufer des Flusses innehalten. Der Direktor geht zu Fuß.


Blackfriars

Imorthufora Wir spüren hier eine starke Präsenz unserer Vorfahren, Kinder und Geschwister. Sie rufen, sich uns anzuschließen.  

Chor Wir werden uns Dir anschließen, Imorthufora.

Direktor So viele Seelen schließen sich dir an, werden zu dir. Seit so vielen Jahren schon, und ein Ende ihres Schicksals, euch zu folgen, euch zu werden, ist nicht in Sicht.

Imorthufora Es ist nicht nur Schicksal sondern Widerstand. Unser Wachstum begann im Jahr 1865, als die disassembly line in Gang gesetzt wurde, und wir werden nicht aufhören, bis sie ihre Arbeit niedergelegt hat.

Direktor Seht ihr, hier neben unserer Ausgrabungsstelle suchen die Mudlarker nach Schätzen. Manche hoffen auf Gold und Silber, manche erfreuen sich am schönen Nippes. Wenn sie einen menschlichen Knochen sehen, müssen sie dies den Behörden melden; die Tierknochen allerdings sind Alltag für sie. Viele Erwachsene vertreiben sich die Zeit hiermit, auch Eltern mit ihren Kindern. Hier hatte ich einmal eine Begegnung mit einem Kind, das mich fragte, was wir hier tun. Nach einer kurzen Einführung hatten wir einen Mitstreiter gewonnen – Kinderaugen finden die Knochen um einiges besser als unsere. Das Kind suchte den ganzen Strand ab und brachte uns Gebisse, Zähne, Kopffragmente.


DEPTFORD

Am nächsten Tag steht die Besichtigung der Ausgrabung vor dem Foreign Cattle Market in Deptford an.

Direktor Das historische Betriebsgelände des Deptford Foreign Cattle Market ist nicht mehr zugänglich. Hohe Mauern sichern es ab. Und der Name “Market” ist stark irreführend. 1869 wurde mit dem Cattle Diseases Prevention Act die Praxis eingeführt, importierte ausländische Tiere an dem Dock zu schlachten, wo sie angelandet waren, um die Übertragung von Krankheiten auf den heimischen Bestand von Tieren zu verhindern. Dieser “Markt” wurde also als Reaktion auf das neue Gesetz als großer Schlachthof gebaut und zwei Jahre später eröffnet. Eine an das Gelände anschließende Straße, die Butchers Row, heißt heute Borthwick Street.

Die Zeichnung des Wassers verändert sich und Imorthufora erscheint, nur um sodann wieder zu verschwinden.

Direktor Die alte Architektur, die Strukturen des Krieges gegen die Tiere, sie sind nicht mehr sichtbar. Ebenso wie die neuen Bauten des optimierten Tötens – Geschichte sowie Gegenwart der Gewalt sind verschleiert. Ehemalige Schlachthöfe und Lagerhäuser werden zu Klubs, Luxuswohnungen, Kultur- und Einkaufszentren und wirken dabei fast utopisch.


GREENWICH

Hier in Greenwich finden wir zur Zeit am meisten Knochen und auch der Grad der Erhaltung ist hier um einiges besser. Wir vermuten, dass die Knochen von den nahegelegenen Anlagen, dem Deptford Cattle Market oder der Seifenfabrik stammen.

Wir graben hier an manchen Tagen, insbesondere den heißen Sommertagen, bis uns schwarz vor den Augen wird. Bis wir aber eine neue Grabungsstätte erst ausfindig machen, kann das ein langer Spaziergang sein, mit dem Kopf nach unten geneigt. Tausende Flusssteine ziehen vorbei, die Augen werden müde, Geisterbilder erscheinen, Steine vermehren sich, ziehen sich zusammen und dehnen sich aus.
Wir nutzen verschiedene Methoden, LIDAR scans, 3D renderings, Archivarbeit, das Ausgraben und Vermessen, Fotografie und Photogrammetrie – Techniken, die auch von Museen verwendet werden, allerdings zumeist nicht für domestizierte Tiere. Die nehmen im Spektakel des Naturhistorischen Museums eine marginale Rolle ein.
Allgemein gibt es nicht viele akademische Forschungen zu den Tieren in der Stadt, bzw. den Tieren außerhalb der Stadt, die dort für die Stadtbewohner*innen gequält und getötet werden. So hat beispielsweise die Anwesenheit von Tieren in London zur Entstehung der Metropole selbst beigetragen. Die Interaktion zwischen Mensch und Tier war ein wesentlicher Bestandteil sowohl des Londoner Arbeits- und Handelssystems als auch Teil der emotionalen Erfahrung der Stadtbewohner. In der Moderne sind alle Spuren der farmed animals aus der Stadt verschwunden und finden sich nur noch in den entfremdeten Plastikpackungen und säuberlich präparierten Körperteilen in den Kühlregalen wieder.


DAS MONSTRÖSE SKELETT

Nächster Tag. Vor einer Metallwerkstatt. Der Direktor blickt durch das offene Tor in die Räumlichkeiten, Imorthufora erscheint neben ihm. Sie teilen sich ihr Blickfeld.

Chor Ein Gerüst aus Knochen, Stroh und Holzwolle, Stricke, Gips oder Kunststoff. Aus den Körpern giftige Dämpfe

Direktor Die Dynamik des Körpers ensteht nach der Vorstellung der Taxidermisten. Inspiriert von Zeichnungen, Fotos oder Videodokumenten, aber auch von Besuchen in zoologischen Gärten, wo die Tiere sich selbstredend anders verhalten als in ihren eigentlichen Lebenräumen.

Imorthufora Große Skelette in naturhistorischen Museen bekommen ein sub-skelett aus Metall. Du hast auch mit Metall gearbeitet

Direktor Wollte ich dich groß und stolz präsentieren, in einer fixen Position, getragen von einem neuen, unsichtbaren, schweren Skelett mit ungewisser Herkunft? Ich dachte, ich könne das Material nutzen und mittels kleiner Veränderungen eine kritische Auseinandersetzung erzielen.

Chor Kohle, Eisenerz, Hitze

Direktor Es ist so dreckig und laut in der Metallwerkstatt; große Maschinen, deren Funktion ich nicht kenne, stehen mir im Weg, ich fasse eines der Räder an – eine Kollegin erzählt mir davon, wie sie die Hälfte ihres kleinen Fingers an eben diese Maschine verlor. Ich hasste und hinterfragte jeden Moment, den ich mit diesem Material in seinem Umfeld verbrachte.

Chor Das Eisenerz der Welt kommt aus China, Brasilien, Australien, Russland, der Ukraine, gefolgt von den USA, Indien, Kanada und Kazakhstan.
Eisenerz war zentral für die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents. Exporte, Werkzeug und Nägel.

Direktor Das Metallskelett steht unfertig in der Werkstatt. Zeigen oder damit arbeiten will ich nicht mehr. Es ist ein anderes Lehrstück geworden.

GEISTER

Im Kirchengewölbe, dem oberen Institutsgeschoss. Imorthufora wandert durch das Institut, durch den Boden auf und ab, und spielerisch über die Wendeltreppe gleitend. Der Direktor steht vor Knochen, die in ihrer Anordnung eine Rekonstruktion einer Ausgrabungsstätte ergeben.

Direktor Samuel Johnson bemerkte einst, sinngemäß, dass alle Argumente sich gegen die menschlichen Geister stellen und doch aller Glaube sich für sie ausspricht.
Verhält es sich mit den Geistern von Tieren nun konträr? Sie müssten uns zu tausenden heimsuchen und doch – keiner glaubt daran oder bangt gar nach dem Verspeisen eines Vogels, einer Kuh, oder eines Schweins. Woher weiß ich denn, dass es euch überhaupt gibt, könnte ich nun fragen. Ich will es so sehr glauben, doch sind Argumente von Nöten, um andere überzeugen zu können, die dir und anderen Erscheinungen gegenüber weniger wohlgesinnt sind, die euch noch nie gesehen haben.

Imorthufora Hab vertrauen in deine Sinne. Hier liegen wir. Und sind wir dir nicht oft genug und vielerorts erschienen? Ich werde bald auch die anderen aufsuchen.

Direktor Wir müssen jetzt mit den Geistern der Tiere leben. Sie werden uns auch noch heimsuchen, wenn wir in der fernen Zukunft die Tierindustrie aufgegeben haben und Tiere nicht mehr einsperren, ungleich betrachten, zu Produkten verarbeiten, oder diese verspeisen.


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